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1930 - Der Boxsport in der Wirtschaftskrisenzeit

Der deutsche Boxsport stöhnt unter den Lasten der Krise. Denn es gibt viele Vereine, die aus wirtschaftlicher Not ihre Tätigkeit einstellen mussten. Besonders betroffen war das Saarland 1). Doch auch in allen anderen sportlichen Gebieten ging der Boxsport zurück, bzw. musste sich den Gegebenheiten anpassen.

So reisten die deutschen Boxer zum Wettkampf mit dem Schiff in der II. Klasse nach Amerika, aber sie durften in der Zeit der Überfahrt nicht den Sportsaal der „Bremen“ nutzen, da dieser zur 1. Klasse gehörte. Für die 1. Klasse fehlte das Geld. Doch weiter: Es gab Überlegungen, keine deutschen Boxer zu den Europameisterschaften zu entsenden, da der DRfAB nicht genügend Geld aufbringen konnte 2). So ist es schon als Erfolg zu werten, dass die deutschen Boxer auf Kosten der Landesverbände ohne die bisher gängige Praxis der Vorbereitung in zentralen Lehrgängen zu den vom 4. – 8. Juni 1930 in Budapest stattfindenden Europameisterschaften reisten. Dabei gewannen der Weltergewichtler Besselmann einen Europameistertitel, Leidmann einen 2. Platz im Halbschwer- und Held im Leicht- und Hinzmann im Schwergewicht den 3. Platz. Im Streit der beiden Verbände, dem DRfAB und dem DASV kommt es im Verlauf des Jahres zur Beruhigung. Obwohl die Boxer beim DASV in den bisherigen Abteilungen bleiben, und eine eigenständige Reichsgruppe bilden, gelten für sie die Regeln und die Meisterschaften des Reichsverbandes 3). Starts von Mannschaften beider Verbände gegeneinander sind vom DRfAB verboten. Der DASV ermächtigt seine Boxwarte aber, eine Erlaubnis zu erteilen.

Das internationale Ansehen des deutschen Boxsports findet mit der Vergabe des Kongresses der Weltförderation, der FIBA in Berlin seinen Ausdruck. Denn zu diesem Zeitpunkt waren 24 nationale Verbände Mitglieder der FIBA. Auf diesem Kongress wurden Grundfragen der weiteren Förderung des Boxsports beraten. Dazu ist zu zählen:

  • Der Ringrichter bleibt auch bei internationalen Kämpfen im Ring und muss nicht außerhalb amtieren.
  • Bei internationalen Kämpfen werden 3 neutrale Punktrichter eingesetzt
  • Der Amateurstatus bleibt in der bisherigen Form erhalten, der eine Lohnfortzahlung auch bei der Teilnahme an Olympischen Spielen nicht gestattete.

Als Rahmenbedingungen des Boxens konnten formuliert werden.4)

  • Es werden weiche Bandagen unter dem Boxhandschuh mit festgelegter Breite und Länge getragen
  • Das Anlegen eines Tiefschutzes wird zur Pflicht.
  • Der Mundschutz kann getragen werden
  • Der Ringarzt darf ohne das Kampfgericht keine Entscheidungen treffen
  • Auch bei einem Länderkampf kann es jetzt ein unentschieden geben. Bisher musste immer ein Sieger ermittelt werden.

Ein Teil dieser Beschlüsse geht auf deutsche Anfragen an die FIBA zurück, da es international recht unterschiedliche Auslegungen gab. So waren Bandagen in einigen Ländern verboten. In den USA wurden die Hände mit „Hartbandagen“ aus Isolierband umwickelt. In einigen Staaten, z. B. Dänemark, hatte der Ringarzt die Möglichkeit, den Kampf zu stoppen. In Deutschland war diese Regelung unbekannt. Aber immer noch offen bleiben solche Probleme wie: Genickschlag, der in Deutschland verboten, im Ausland aber praktiziert wurde. Ebenso war es mit dem Rückhandschlag.

Obwohl Deutschland nicht mehr aus dem internationalen Sportverkehr ausgeschlossen war, wurden die Deutschen Kampfspiele als deutsche Olympiade weiter betrieben. Sie fanden 1930 in Breslau statt. Teilnehmen durften wie bisher Deutsche und Auslandsdeutsche (aus Danzig, Österreich, Böhmen, Sudetenland ). An dieser „Meisterschaft“ nahmen 48 Boxer teil. Davon stellten der Reichsverband 23, Danzig 4, der DASV 11 und die Auslandsdeutschen 10 Teilnehmer. Die Endkampfteilnehmer waren: (Sieger der Begegnung zuerst genannt)

Taudien (Danzig) 	– 	Ball(Berlin )
Aring (Oeyenhausen )    – 	Schepperle (Stuttgart DASV)
Dalchow (Berlin) 	–	Höppner (Breslau)
Meseberg (Magdeburg)    – 	Leitner (Stuttgart DASV)
Müller (Gera DASV)      –	Miczak (Hindenburg)
Bernlöhr (Stuttgart) 	– 	Kagemann (Karlsruhe DASV)
Wintgen (Berlin) 	– 	Meister (Königssee DASV)
Lücke (Hannover) 	– 	Haase (Danzig)

Beachten wir die unterschiedliche Ausgangslage der Teilnehmer, so ist dem DASV eine gewachsene Kampfkraft zu bescheinigen. Denn 1926 in Köln konnte nur ein 2. Platz im Halbschwergewicht errungen werden. Obwohl es nach dieser Veranstaltung viele kritische Worte gab, wie: zu viel gekostet; Auswahl der Kader ineffektiv; Eintrittspreise zu hoch, und damit wenig Zuschauer, Niveau nicht meisterschaftswürdig…5), wurden die nächsten Deutschen Kampfspiele für 1934 in Nürnberg geplant.

Die Deutschen Meisterschaften und Pokalwettkämpfe spielten eine große Rolle im Wettkampfgeschehen. Die Einzelmeisterschaften begannen bei den Landesmeisterschaften. So hatten für Brandenburg 135 Boxsportler ihre Meldung abgegeben. Aber nur 107 Teilnehmer nahmen den Wettkampf auf 6). In Hamburg stellten sich 102 Sportler den Ausscheidungskämpfen 7). Den Titel eines Deutschen Meisters in den acht Gewichtsklassen errangen ( ab Fliegengewicht):

Ausböck (München), Prahl ( Düsseldorf), Fuchs (Berlin), Bächler (Berlin), 
Besselmann (Köln), Rennen ( Köln), Figge ( Wuppertal) und Hinzmann (Berlin). 

Damit hatten sich die leistungsstärksten Boxer in Rheinland und Berlin konzentriert. Anders dagegen bei der Mannschaftsmeisterschaft. Dort gingen 51 Meldungen ein. Sie verteilten sich auf folgende Landesverbände:

Berlin			2 	Vereine
Bayern			4	Vereine
Brandenburg		2	Vereine
Mitteldeutschland	8	Vereine
Osten			4	Vereine
Oberschlesien		5	Vereine
Nordost			2	Vereine

Den Endkampf bestritten wie bereits 1929 die Mannschaften von SC Colonia Köln gegen Punching Magdeburg. Der Wettkampf endete 10 : 6 für Köln. Hatte sich hier bereits eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses von Berlin in die übrigen Gebiete des Reiches durchgesetzt? Darüber hinaus gab es territoriale Wettkämpfe: Dazu zählten :

Der Schmeling – Wander- Pokal
Das Artur-Lohrmann-Gedächtnis- Boxen
Der Goldstein- Wanderpokal (Berlin )
Der Gustav-Hager-Wanderpreis für die beste Nachwuchsarbeit.

Jüdische Boxmannschaften erreichten eine gute Leistungsfähigkeit. Bereits bei den Brandenburgischen Meisterschaften konnten Ball und Malz beide Maccabi Berlin den 1. Platz erringen. Beim Goldsteinpokal war der JBC unter der Leitung von Sportwart Gedalje und den Boxern: Ball, Fuchs, Batist, Veyner und Mergrün nicht zu schlagen 8).

Besonders beachtenswert ist die Tatsache, dass es unter den Bedingungen der Krise, der Geldknappheit der Vereine, staatlich unterstützte Übungsleiterlehrgänge in Preußen mit 47 Teilnehmern und in Bayern mit 17 Teilnehmern gab. 9)

Der Boxsport, unter der Leitung des DASV, entwickelte sich weiter. Vereine aus den Lagern wechselten teilweise geschlossen die Verbände. Der DASV veröffentlichte im Informationsblatt „Der DASV Boxer“ als wöchentliche Beilage der Zeitschrift Athletik Kampfberichte und Statistiken (Bis 1931 war die Zeitung der Faustkämpfer das Informationsblatt des DASV). Dabei wird hervorgehoben, dass es im Verband 214 Boxsport-Vereine gibt. Allein im vergangenen Jahr sind 63 Vereine neu hinzugekommen und 23 Vereine sind zum DRfAB gewechselt. Der DASV besaß nach eigenen Angaben 2903 aktive Boxer, die in 431 Veranstaltungen 1930 über 178 000 Zuschauer an den Boxring holten. Auch Jugendboxmeisterschaften fanden ab 1930 Eingang im DASV. So starteten bei den Jugendtagen in Fellbach (Württemberg) die ersten Jugendboxmeisterschaften. Von den 21 württembergischen Boxvereinen hatten 17 Vereine Meldungen abgegeben. 41 Konkurrenten stellten sich.

Der Reichsbahn-Turn- und Sportverein Magdeburg veranstaltete vereinsinterne Meisterschaften. Dabei erreichten folgende Sportler den Vereinsmeistertitel: (Fliegengew. bis Halbschwergew.)

Werner Wilke, Hans Sachtleben, Werner Christ, Kurt Plasch, Fritz Hobohm,  
M. Ollenhauer, Kurt Roloff.

Aus allen Nachrichten des DASV ist abzulesen, dass der Boxsport sich territorial nur auf einzelne Schwerpunktvereine stützen kann.

Sprechen wir heute von Boxmeisterschaften, so sind diese nicht mehr mit jenen der damaligen Zeit vergleichbar. Der Ablauf der Ruhrgau-Meisterschaften 1931 sah vor:

   8.30 Uhr		Wiegen
			danach Beginn der Vorrunde
ab 13.00 Uhr		Zwischenrunde
ab 16.00 Uhr 		Endrunde

Ein Aktiver konnte so im Verlauf eines Tages bis zu fünf oder sechs Kämpfe absolvieren.

Der Arbeiter-Athleten-Bund registrierte 1200 Boxaktive. Der Höhepunkte des Bundes war der Bundeswettstreit mit den Bundesfesten in Ludwigshafen (1928) und Nürnberg (1929).

Die deutsche Filmindustrie griff Themen aus dem Boxsport mit dem Film: “Liebe im Ring“ auf. Das Boxerlied: (Musik: Artur Guttmann, Text; Fritz Rotter. Gesang: M.Schmeling) spiegelte die Akzeptanz des Boxsports wieder:

Was hat der Boxer vom Leben der Welt?
Das muß er meiden, was ihm gerad gefällt.
Sucht er sich manchmal fürs Herz einen
Schatz, hat er im Ring keinen Platz. Was 
hat ein Boxer mit Liebe zu tun? Nie darf
er tun was er will. Teilt er sein Herz, dann
ist alles bald vorbei, dann ist`s um ihn auf 
einmal still.
Refrain:
Das Herz eines Boxers kennt nur eine 
Liebe: den Kampf um den Sieg ganz
allein. Das Herz eines Boxers kennt nur
eine Sorge: im Ring stets der erste zu
sein. Und schlägt einmal sein Herz für
eine Frau, stürmisch und laut, das Herz 
eines Boxers muß alles vergessen, sonst
schlägt ihn der nächste knock out.
Ist oft ein Boxer berühmt und bekannt,
weil er im Kampf sein Bestes nur gibt,
schnell bricht man ihm die geschworene
Treu, schnell ist`mit allem vorbei. Wenn
er nur einmal den Kampf nicht besteht, 
wer nimmt noch seine Partei? Nichts als
der Spott ist der Dank, wenn er dann geht,
dann kommt der nächste an die Reih.

1) Boxsport 1930, Nr. 484, S. 17
2) Boxsport 1930, Nr. 501, S. 19
3) Boxsport 1930, Nr. 510, S.14
4) Boxsport 1930, Nr. 504, S.14
5) Boxsport 1930, Nr. 510, S. 14f
6) Boxsport 1930, Nr. 486, S. 19
7) ebenda
8) Boxsport 1930, Nr.522
9) Boxsport 1930, Nr. 514, S. 16
gs/a/1930.txt · Zuletzt geändert: 2012/09/24 13:20 (Externe Bearbeitung)

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